Auszug aus:
um die Leere ein Loch bauen und dem Ganzen ein Gefäß verleihen
Ich halte ein Objekt in Händen, es ist ein HOLE OBJECT. Eine
Skulptur, die einem Gongji gleicht. Einem Taihu stone vielleicht. Es war nicht
meine Absicht, unverfrorenen Gemütes einen Gelehrtenstein zu formen. Ich habe
experimentiert. Die Anverwandtschaft ist passiert. Ein Zufall? Ich weiß es
nicht. Jedenfalls wäre es kein Zufall im Sinne einer plötzlichen Erkenntnis,
die einen Zusammenhang nahe gelegt hätte. Schritt für Schritt wurde ich dort
hin geführt. Mein Ausgangsmaterial besitzt Ausgussöffnungen. Das sind
zweifelsohne Löcher. Damit habe ich mich vorrangig beschäftigt. Das Loch ist zu
meinem Thema geworden. Da wusste ich noch nichts von „Tou (透)“ und
“Lou (漏)“, den zwei Arten von Löchern im Kontext der
traditionellen chinesischen Ästhetik. Auch nichts von Zhou (皱),
das ebenfalls zu den Säulen der Gongshi-Ästhetik gehört, ein Netzwerk aus
feinen Linien, Furchen und Falten, eine Textur, die als Beweis für das hohe
Alter des Steins und die darauf einwirkenden Naturkräfte gesehen wird.
Die Textur meiner Objekte scheint dem nachempfunden.
Dahinter steckt jedoch keine Absicht. Sie ist dem verwendeten Material
geschuldet. Womit ich mich am intensivsten auseinandergesetzt habe, waren die
Wahrnehmungsoptionen der Löcher in den Objekten.
Die Ästhetik der Leere, sowohl in der chinesischen als auch
in der japanischen Kunst, war mir bewusst, dass die „Leere“, also das Loch
somit genauso wichtig wie die Form, also das Objekt ist. Dieser Kontrast der
„Leere“, des Lochs zur Solidität des Objektkörpers, bewirkt ein geradezu
dramatisches Spannungsfeld. Ein Spannungsfeld nicht nur zwischen Loch und
Objektkörper, sondern in noch höherem Ausmaß zwischen Loch, Leere und NICHTS.
Obwohl ich aus einer philosophischen Perspektive heraus, nicht der Versuchung
erliegen möchte, das Loch vom Rand her zu definieren, war es in der praktischen
Umsetzung am Werkstück unvermeidbar. Nach langen Überlegungen und vielen
unterschiedlichen Versuchen, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Loch
eine übermäßige Betonung benötigt, um es als zentrales Element zu bestätigen,
was am besten über die Hervorhebung des Randes zu erreichen war. Die Größe der
Öffnung ist zweitrangig, da sie keinen Einfluss auf die Imagination der
potentiellen „Leere“ hat, die sich in einem Loch befindet.
Naheliegend wäre, da bin ich nun bei meinem Zugang zur
Lochdefinition, sich darüber Gedanken zu machen, in welchem Verhältnis ein
Loch, die Leere und das Nichts tatsächlich stehen.
Wie beredt ist nun das NICHTS, sofern man es in die Pflicht
nimmt, sich zu erklären. Aus sich heraus etwas zu sagen, wo es nichts gibt,
scheint möglich zu sein. Aus dem NICHTS ALLES zu schaffen, ist jedoch ein
metaphysisches Phänomen, welches dem Gedanken über das Verhältnis von Loch,
Leere und NICHTS, Klarheit verschafft. Der Inhalt eines Lochs ist die Leere und
die Leere ist Bestandteil des NICHTS.
Dem Loch als Dimension betrachtet, ist kaum gerecht zu
werden. Zu vielschichtig sind die Möglichkeiten der Herangehensweise.
Phänomenologisch kommt man den Untersuchungen nicht bei. Man trifft also eine
Auswahl. Ein Kaleidoskop, sehr individuell, mehr kann es nicht sein.
(Toni Kleinlercher)
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