Wahrscheinlich spricht Toni Kleinlercher vom Schweigen der Räumlichkeiten

Wolfang Koch

 

"Mythen der Berge. Vor ihrem Hintergrund kommt Kleinlerchers systematischer Sprayaktion die Bedeutung von einer Art Gegenmythos zu."

 

"Vom 2.September 1984 bis zum 11.Juli im folgenden Jahr unternahm Kleinlercher neun Touren ins Karwendelgebirge und auf andere Höhen Nordtirols: Kirchspitze, Hirzer, Rofan, Lamsenjoch, Hochnissl, Gilfert, Astenau, Guffert und Kreuzspitze hießen seine Stationen. Er schrieb dabei 36 Gedichte und drei etruskische Weihesprüche in den Fels."

 

"Es ist natürlich nicht zu übersehen, in welcher Zeit das geschah. Einige Monate zuvor hatte Harald Naegeli als anonymer Sprayer die nächtlichen Straßen von Zürich unsicher gemacht. Richard Hambelton brachte gerade an Bauhütten und Hauswänden, an Telefonzellen und in der Nähe von Supermärkten lebensgroße menschliche Silhouetten an. Vor allem aber in den amerikanischen Metropolen hatte sich daraus eine neue Sprache der Sprachlosen entwickelt: Graffiti."

 

"Rammellzee, der Führer einer dreiköpfigen Künstler-Gang, die noch Mitte der achziger Jahre aktiv war, sah in seiner Arbeit stets mehr als die Möglichkeit, eine miese Umgebung mit dekorativen Bildern aufzuladen. Jeder der drei Künstler der Gang war ein Krieger, der für einen Buchstaben kämpfte: A-One, Koor-B-One, Toxic-C-One. Ihr Ziel war es, jeweils den eigenen Buchstaben zu bewaffnen, damit er in die Lage kam, die anderen Buchstaben zu töten. Das optische Ergebnis nannten die Künstler <armamental style> - im Gegensatz zu <ornamental style>."

 

"Selbstverständlich begriffen die Fighter die gesamte Umwelt als Herausforderung, ihr phantastisch-metaphysisches System auf sie zu übertragen."

 

"Kleinlercher hat mit seinen Sprayversen ein neues Terrain erschlossen, hat Graffiti-Kunst von den hochfrequentierten urbanen Plätzen, von Feuerwänden, Gefängnismauern und Brückenpfeilern, in die gottverlassene Bergwelt katapultiert. Aber auch dabei ist Kleinlercher nicht stehengeblieben. Mountainwork I war von Anfang an prozessuale Kunst, von ihrem Schöpfer auf Neues, auf Nichtvorhersehbares programmiert."

 

"386 Tage nach Abschluß der letzten Verszeile beginnt im Herbst 1986 eine zweite Phase der Arbeit. Kleinlercher übermalt nach und nach alle Lyrismen mit rechteckigen Balken aus hochwitterungsbeständiger Farbe. Die gelben Flächen bedecken zwischen 1,5 und 4 m² mit flüssigem Kunststoff und bringen die Sprayverse fast zum Verschwinden."

 

"Die signalgelben Balken, mit denen Kleinlercher ein Jahr danach seine eigenen Texte übermalt, setzen seine Arbeit in eine völlig neue Beziehung zum sie umgebenden Raum. Sie verwandeln die 36 Anschläge in weithin sichtbare optische Bezugspunkte und machen sie zum Zentrum einer überwältigenden Bergwelt. In den klaren Proportionen der Rechtecke und in ihrer Signalkraft kommt ein neuer Ordnungswille zun Ausdruck, der in der chaotischen Umgebung einen eigentümlichen Reiz entfaltet."

 

"Auch wenn natürlich die Freiheit der Assoziation besteht, gibt die Form der Farbbalken doch gedankliche Verbindungen in eine bestimmte Richtung vor. So stimulieren die fast monochromen, gemalten Flächen zuerst einmal die Empfindsamkeit des Auges, indem die Reizschwelle ganz zurückgenommen wird. Der Künstler erzielt eine quasi vorsprachliche Konzentration auf das Material und findet damit zu einer eigenständigen künstlerischen Aussage. Er setzt weit in die Zukunft weisende Signale, um jenen Raum der Unruhe und des Zaubers zu erzeugen, der eine mühsam eroberte Konvention von Wirklichkeit aufbricht."

(Auszüge aus "Landmarkierungen", Wien 1994)